PERSPEKTIVE

 

Mainz  - 2018

Durch den Verlust des Turmhelms der frühgotischen Kirche St.Christoph verlor die Mainzer Stadtsilhouette im zweiten Weltkrieg einen der markantesten Hochpunkte nördlich des Doms und wurde dadurch zum Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung. Der durch die Stadt Mainz ausgelobte Wettbewerb beabsichtigt die Wiederbelebung des historischen Stadtpanoramas durch den Wiederaufbau der Turmspitze. Als Aussichtsplattform soll der bestehende Turm erschlossen werden und durch eine Neuinterpretation des Turmhelms gekrönt werden.

Die beiden geforderten Baukörper Turmzugang und Turmhelm werden formal mit einer jeweils
eigenständigen Stilistik behandelt. Dieser Ansatz folgt der typischen Heterogenität von Baustilen und Bauformen im Entstehungs- und Wandlungsprozess Jahrhunderte überdauernder Kirchenarchitekturen.

Historische vertikale Turmerschließungen erfolgten bisweilen über eigenständige Treppentürme mit Spindeltreppen. Im Fall der Kirche St. Christoph wird in mindestens zwei voneinander unabhängigen Epochen von einem beigestellten Treppenturm zur Erschließung eines höher gelegenen Turmeingangs ausgegangen. Der hier vorgeschlagene Turmzugang interpretiert die Bauform des Treppenturms in ihrer Reduktion auf das Wesentliche: die Spindeltreppe. Dem beschriebenen Widerspruch entgegnet eine zurückhaltende und einfache aber selbstbewusste Skulptur. Diese steht etwas abgerückt von der Kirchenruine. Die Eigenständigkeit als neuzeitliche Ergänzung wird herausgestellt und gleichzeitig der Blick auf das Mahnmal St. Christoph nicht verstellt.

Die gestaltgebende Idee hinter dem Turmhelm ist ein zerberstendes Kirchenfenster als  Bekrönung des Mahnmahls gegen Krieg und Zerstörung. Die Dachflächen der achtseitigen Pyramide des historischen Turmhelms werden 1:1 abgegriffen und mit Gitterträgern nachgebildet. Die Gitterzwischenräume werden mit Plexiglasscheiben in unterschiedlicher Farbgebung gefüllt - teilweise mit Abstandshaltern von der Gitterkonstruktion abgesetzt, um das Zersplittern der Form zu imitieren. Um die Windangriffsfläche zu minimieren, werden nach oben hin weniger Gitterflächen gefüllt. Die Farbpalette orientiert sich an der modernen Glaskunst der Fenster im Chor der Kirchenruine St. Christoph von Alois Plum. Das Stadtbild wird durch einen Farbtupfer bereichert. Die vier Giebelwände des historischen Turmhelms werden offen belassen und damit als Negativ abgebildet. Der Ausblick von der Aussichtsplattform in alle Richtungen bleibt unverstellt. Durch die Auslassung der Giebelflächen wird die Lage des Knotenpunkts und damit der horizontalen Aussteifung der Gitterträger definiert. An dieser Stelle werden Membranen in der Konstruktion als Schutz der Aussichtsplattform vor Niederschlägen verspannt.